Selbstverteidigung und Kampfkunst

Den Bewohnern der Insel Okinawa war das Tragen von Waffen und das Ausüben von Kampfkünsten in früheren Zeiten bei Strafe verboten. Daher gibt es aus dieser Zeit auch keine Aufzeichnungen über die lokalen Kampfkünste, die zur Selbstverteidigung im Geheimen geübt wurden. Hierzu gehört auch das Karate (japanisch für „Leere Hand“, gemeint ist „ohne Waffen“). Jegliches Wissen wurde in Form von Kata (japanisch für „Form“, gemeint ist ein stilisierter Kampf gegen imaginäre Angreifer) weitergegeben. Die Inhalte waren jedoch verschlüsselt, um die Obrigkeit zu verwirren. Die Analyse der Kata und ihre Rückentschlüsselung ist es, was viele Karateka so fasziniert.

Ein Experte für die Interpretation und Entschlüsselung der alten Formen ist Fritz Oblinger (8. Dan Karate), Breitensport- und Stilrichtungsreferent „Shotokan“ im Bayerischen Karatebund. Aus diesem Grund hat ihn die Karateabteilung des TSV Grünwald e.V. am vergangenen Samstag zu einem Lehrgang nach Grünwald eingeladen. Der Einladung in die Helmi-Mühlbauer-Halle folgten knapp 90 Karateka, neben Vereinsmitgliedern auch Gäste aus Mühldorf, Oettingen, Augsburg und Ingolstadt.

Thema in der Unterstufe (bis Blaugurt) war die Kata „Heian Godan“, die höchste von fünf Ausbildungskata, die Ende des 19. Jahrhunderts auf Okinawa durch Itosu Anku geschaffen wurden. Als Thema für die Oberstufe (Braun- und Schwarzgurte) hatte sich der ausrichtende Verein die Kata „Chinte“ gewünscht, deren Ursprünge bis nach China zurückführen. „Chinte“ bedeutet so viel sie „seltene Hände“ und beschäftigt sich insbesondere mit dem vielfältigen Einsatz der Hände.

Fritz Oblinger stellte zu den einzelnen Elementen der Kata wahlweise Anwendungen vor, die für die Selbstverteidigung als auch für das Trainieren der Kampfkunst an sich geeignet sind. In der Kampfkunst geht man von einem erfahrenen Angreifer aus, der „im System“ kämpft, in diesem Fall also Karate. Hier kann man neben einer größeren Vielfalt an effizienten Techniken und koordinierten Angriffen auch erwarten, dass eigene Angriffe pariert werden und taktische Überlegungen zum Tragen kommen. Der Kampf dauert länger und ist auf einem hohen technischen Niveau. In der Selbstverteidigung geht man hingegen von einem unkoordiniert angreifenden Gegner aus, der meist körperlich überlegen und schwer einschätzbar ist. Hier gilt es, den Kampf so schnell wie möglich zum eigenen Vorteil zu beenden, auch unter Berücksichtigung rechtlicher Aspekte.

Durch die verschlüsselte Weitergabe einer Kata im Geheimen kann heute keiner mehr genau sagen, was eine Bewegung oder Technikfolge ursprünglich einmal bedeutet hat und welchem Zweck sie diente. Es gibt immer eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten, deren Anwendbarkeit auch von der Situation und insbesondere dem Angreifer abhängig ist. Das Ausprobieren und Üben immer neuer und anderer Ideen macht Karate so interessant und vielfältig. Dadurch wächst die Erfahrung im Kampf.

Max Obermaier

 

Teilnehmer des Karatelehrgangs
(Foto: Christian Killer)

 

Fritz Oblinger demonstriert Heian Godan Renshuho
(Foto: Christian Killer)

 

Teilnehmer beim Üben
(Foto: Christian Killer)

Erschienen:

  • Grünwalder Isar-Anzeiger, 19. April 2018