Mit Kampfsport gegen Gewalt? Nicht jeder ist überzeugt, dass Selbstverteidigung der richtige Weg für Schüler ist, die Opfer von Mitschülern geworden sind. Doch in entsprechenden Kursen geht es nicht um Kraft, sondern um Selbstbewusstsein.
Von Christine Waldhauser-Künlen
Für Alexander ist die Schule zum Albtraum geworden: In der Pause muss er befürchten, von seinen Mitschülern beleidigt, erniedrigt und traktiert zu werden. Hiebe und Tritte hat er schon viele eingesteckt. Die Übergriffe zu melden, kommt für den verängstigten Burschen nicht in Frage. Sich zu wehren, ist erst recht keine Option. Viel zu schwach kommt sich der 12-Jährige vor. Würde ihm Kampfkunst oder Kampfsport – inzwischen in ganz Oberbayern erlernbar – helfen, sich besser zu behaupten? So vielfältig die Formen von Gewalt und Mobbing an der Schule sind, so zahlreich auch die Methoden, Kinder dagegen stark zu machen!
Doch bevor Alexander in den Ring steigt, lohnt sich ein kurzer Abstecher in die Psychologie. Denn Fakt ist: Einfach lostreten, draufhauen, zuschlagen kommt selten vor. Selbst der brutalste und aggressivste Täter hat nicht „grundlos“ jemanden auf dem Kicker, sondern macht sich über seine Wahl „Gedanken“. „Angreifer suchen sich in der Regel bewusst ihr Opfer aus und keinen Gegner“, erklärt Max Obermaier, Leiter der Karate-Abteilung im TSV Grünwald. Sie halten Ausschau nach Signalen, die „Opfertypen“ typischerweise aussenden. „Diese machen sich sehr klein, drücken die Schultern nach unten, können keinen Blick halten und nehmen wenig Raum ein – allesamt aus Tätersicht Verhaltensweisen von potentiell Unterlegenen“, beschreibt Andreas Ertl, Leiter der EWTO-Trainerakademie München, die Kids-WingTsun lehrt. Seiner Meinung nach lassen sich mit dem Lesen der Körpersprache und Achtsamkeit im Vorfeld die meisten Probleme erkennen und dem Rüpel rechtzeitig Grenzen setzen. Wie auch dessen Mitläufern. „Bemerken andere Kinder, dass sich eine oder einer gut ärgern lassen, steigen sie darauf ein“, so Obermaiers Beobachtung aus 30-jähriger Karate-Erfahrung. Doch wie können Selbstverteidigungs- oder Kampfsportkurse ein schüchternes Kind in einen Nein-Sager verwandeln, der sich weder verbal noch körperlich herum schubsen lässt? „Man muss ihm Selbstbewusstsein beibringen“, ist Florian von Nauckhoff, Betreiber von KidsKwonDo (TaeKwonDo) mit Schulen in Grünwald und Obersendling, überzeugt. „Das Zeigen von Selbstbewusstsein ist viel wichtiger als die Präsentation dicker Muckis. Selbstbewusste geraten meist gar nicht in Gefahr, angegriffen zu werden“, stimmt auch Obermaier zu.
Da setzen die Kurse an – Selbstsicherheit und Selbstvertrauen erarbeiten sich Schüler in realitätsnahen Rollenspielen. Kids-WingTsun lehrt ein mehrstufiges Vorgehen in Streitsituationen, wobei Ertl allergrößtes Augenmerk auf die „richtige“ Verhältnismäßigkeit legt. Im Kurs trainiert werden Haltung, Stimme, Mimik und Gestik, aber auch altersgerechte Selbstverteidigungstechniken. Man könne keinem Sechsjährigen einen Kehlkopfschlag beibringen, stellt von Naukhoff klar. „Nähert sich jemand mehr als eine Armlänge, fehlt die Luft zum Atmen, es fühlt sich nicht gut an“, beschreibt der Profi eine typische Situation. Mit einem lauten: „Stop – das ist mein Platz“, lässt sich eine mögliche Attacke im Vorfeld entschärfen. Dann sich entfernen, und bei der Pausenaufsicht oder einem Lehrer Hilfe holen, so die KidsKwonDo-Strategie.
Erst mit 14 Jahren könnten Kinder effizientere Selbstverteidigungstechniken, die Verletzungen hinterlassen, erlernen. „Nur nicht gleich zuschlagen – das wäre ein Fehler“, warnt er. Es sei immer sicherer, einen Konflikt ohne körperlichen Angriff zu lösen. „Im Karate ist ein vermiedener Kampf ein gewonnener Kampf“, da ist sich auch Obermaier sicher. Denn diesen verlasse man definitiv nicht, ohne selbst verletzt zu werden. Der Besuch eines einzigen Karate-Kurses reicht nicht aus. „Es dauert Jahre, bis sich einer körperlich verteidigen kann“, so seine Erfahrung. Erst nach drei oder vier Jahren könne man sich mit Griffen und Techniken selbst helfen, findet er. Dass Kinder auf Karate „abfahren“ und die Kurse voll sind, liege nicht an zunehmender Gewalt. Sie seien den Sommerfesten zu verdanken, bei denen Alt-Karateka Abwehr-, Hand- und Fußtechniken am „Gegner“ vorführen und Bewegungs-Abfolgen zeigen. Auch „Kids“ aus schwierigen Verhältnissen hielten sich während der Übungsstunden an die Regeln. „Wir versuchen Kinder, die nur zu uns kommen wollen, um andere besser verprügeln zu können, von vornherein herauszufiltern – sie haben beim Karate nichts zu suchen“, bekräftigt Obermaier. Wobei Kids KwonDo wie Karate und Kids-WingTsun als verletzungsarm gelten.
Gibt es einen Unterschied zwischen den Geschlechtern? Mädchen lernen Kids-Wing Tsun und KidsKwonDo mit Buben auf Augenhöhe. Im Karate findet sich aber ein Unterschied: „Wenn sie im Wettkampf verlieren, werden sie aggressiver – Jungen kämpfen kontrollierter“, wie Obermaier beobachtet hat. Er würde bei einem Konflikt im Voraus nie „verraten“, Karateka zu sein. „Gerade bei Schulhofprügeleien kann diese Aussage zum Bumerang werden, weil der andere angestachelt wird und testen will, wie weit es um dessen Kenntnisse steht und ob er ihn vielleicht besiegen kann. Dann lieber auf den Überraschungsmoment bauen und sich körperlich nur wehren, wenn es unbedingt sein muss!“ So sieht auch das Konzept von KidsKwonDo aus. Die 14- bis 16-Jährigen lernen Griff- und Schlagtechniken, bei denen der andere das Gleichgewicht verliert und zu Boden geht. „Durch das Wissen um effiziente Selbstverteidigung wird man mutiger und verändert seine Körpersprache“, so Ertl. Ein Effekt, der auch bei Alexander die Wende gebracht hat. Er wird nicht mehr gehänselt und drangsaliert. Und dafür musste er sich nicht mal schlagen...
Kampfsport/ -Kunst – Jahrhundertealte Disziplinen
Grundsätzlich werden in asiatischen Kampfsportarten und -künsten neben Respekt, Aufmerksamkeit, Disziplin, Kontrolle, Mut auch grundmotorische Eigenschaften trainiert und durch Übungen für Koordination, Konzentration, Kraft, Schnelligkeit, Kondition und Flexibilität ergänzt.
- Karate, übersetzt als „Kampf mit leeren Händen“, entstand vor über tausend Jahren, als Daruma, der buddhistische Mönch und Begründer des Zen, im chinesischen Kloster Shao Lin lebte. Diese Körperschule wurde weiterentwickelt und als Shao-Lin-Kampfkunst bekannt. Chinesen brachten sie im 13. Jh. ins japanische Okinawa, wo sie sich mit den Kampftechniken des Landes vermischten.
- KidsKwonDo orientiert sich an der Kampfkunst Taekwondo, die wörtlich übersetzt „Fuß, Faust und Einklang mit dem Geist“ bedeutet. In Korea wurde Taekwondo in seiner hierzulande praktizierten Form 1950 durch General Choi Hong entwickelt und lässt sich in über 120 Ländern lernen.
- WingTsun ist kein Wettkampfsport, sondern gilt als Kampfkunst. Der Legende nach vor 300 Jahren von einer Shaolin-Nonne erfunden, braucht es nicht Kraft oder Akrobatik zum Besiegen eines Gegners, sondern man nutzt die Kraft des Angreifers und lenkt sie gegen ihn.
Erschienen:
- Münchner Merkur, 24./25. September 2016 (PDF 2,2 MB)