„Ausgezeichnet!” - „Toller Karate-Lehrgang!” - „Perfekt organisiert!“ - „Sehr informativ!“ war das Feedback, das die Karate-Abteilung im TSV Grünwald e.V. vor einer Woche erhielt. Kaum war Sylvester vorbei, so reiste Iain Abernethy (8. Dan) aus Nordengland nach Grünwald. Sein Karateseminar (Thema: Katas entschlüsseln und verstehen) war bereits im Herbst nach Stunden voll ausgebucht gewesen. Fast 100 Karatekas erlebten nun an einem langen Wochenende, wie er ihren Blick schärfte, um selten gelehrte, aber fundamentale Aspekte des Karates zu lehren.
Die Stunden flogen dahin, und alle hatten zusammen mit dem ausgezeichneten Service an Verpflegung, Getränken und dem Besuch im Vereinslokal zwei Tage Spaß mit ihrem Kampfsport. Anfangs stellte Iain Abernethy schnell den Bezug zu den frühen Meistern im Karate her – vor allem Funakoshi und Mabuni –, die den Sport an der Wende des 19. Jahrhunderts geprägt hatten. Indem er auf ihre zahlreichen Quellen zurückgriff, führte er die Teilnehmer*innen zu den Prinzipien hin, aus denen praktisches Karate besteht.
Katas (eine festgelegte Reihenfolge von Kampftechniken) dienen dem Kampf. Sie sind daher nicht geeignet, einvernehmliche Techniken mit einem Karatepartner abzusprechen, die im Training funktionieren. Dieses Prinzip ist fundamental und wurde schon von Itosu Ankō (*1831 - †1915) formuliert: Karate ist nicht zur Verteidigung gegen einen einzelnen Angreifer gedacht, stattdessen ist es ein Weg, Verletzungen zu verhindern, indem man Hände und Füße benutzt, sollte man zufälligerweise mit einem Schurken oder Bösewicht zusammentreffen.”
Welche Schlüsselprinzipien sind nun nötig, um sich zu wehren und ohne Verletzungen zu entkommen? Greift sich der Karateschüler nur ein, zwei, drei Techniken heraus, so wird er mit tausenden von technischen Anwendungen überflutet. Wie in der Musik ergeben bereits wenige Töne eine Melodie.
Iain Abernethy ordnete für uns die Flut an Möglichkeiten, die jede Kata anbietet.
Um nicht im Kampf unterzugehen, stellte er zwei Prinzipien an den Anfang jeder Analyse. Über sie wird jede Kata entschlüsselt. Als erstes muss sich die Sportler*in fragen: ”Wie ist die Kata aufgebaut?” - ”Welche Stellungen tauchen auf?” - ”Gibt es Fusstritte?” - ”Welche Armtechniken und Schläge werden eingesetzt?” - ”In welche Richtungen bewegt sich der Karateka?”
An diese Analyse schließt sich die zweite Richtlinie an: „Wie ist die Kata als System, das im Kampf angewendet wird, arrangiert?” Denn jede Technik einer Kata ist ein Platzhalter - so wie in der Mathematik „x” -, der mit einem Schlag, Hebel, Wurf, Tritt oder vielem mehr gleichgesetzt werden kann. Gleichzeitig demonstriert jede Technik ein kämpferisches Prinzip. Ein Schlag in Richtung Kopfhöhe kann auf eine Kopfregion zielen. Er kann aber auch der Ansatz zu einem Wurf oder einem Hebel sein. Bereits eine Technik eröffnet nicht nur eine, sondern viele Alternativen. Aus ihr ergeben sich viele praktische Möglichkeiten, um sich zu wehren.
Jede Katatechnik impliziert daher, so wie Iain Abernethy ausführte, „Das ist etwas, was man nun machen kann. Etwas von tausend Möglichkeiten.” Diese beiden Leitsätze lassen sich in allen Katas anwenden. Man muss daher nicht hunderte von einzelnen Techniken üben, um im Verteidigungsfall zu bestehen. Itosu Ankō führte Karate so auf den Weg, um „Verletzungen zu vermeiden” und sich gegebenenfalls mit „Händen und Füßen” zu wehren.
Wenn ich angegriffen werde, führt Iain Abernethy aus, frage ich mich aber im Bruchteil einer Sekunde, wie ich reagieren soll? Es fallen mir sofort unzählige Angriffe und Verteidigungen ein, die ich im Training gelernt habe. Wie helfen mir nun die vielen Kombinationen weiter, die Katas anbieten?
Iain Abernethy bietet zwei Leitsätze an, die bei einem gewalttätigen Übergriff sofort greifen sollten. Diese beiden Regel hatten bereits die alten Meister in Japan gelehrt. Sie bringen Ordnung ins Chaos eines Kampfes.
Zum ersten: Der Angegriffene weicht sofort der frontalen Attacke aus. Er bleibt auf keinen Fall vor dem Angreifer stehen. (Abb. 1) Jede Kata zeigt mir dazu, in welchem Winkel zum Angreifer er ausweichen muss. Entweder 45 Grad, 90 Grad, zur Seite, oder nach vorne, oder nach hinten, usw. …
Zum zweiten: Es gibt bei jedem Angriff eine Schokoladenseite, zur der sich der Überfallene bewegen muss. Jede Kata zeigt daher: Erst wenn man außer Reichweite steht und die Schläge oder Tritte des Angreifers ins Leere gehen, dann steht man im richtigen Winkel zum Angreifer. Wenn der Attackierte noch dazu seine Abwehr und seinen Gegenangriff aufbauen kann, dann ist er optimal platziert. (Abb. 2).
Das Motto heißt: „Halte den Angreifer vor dir, stehe aber nicht vor dem Angreifer.” (Abb.3)
Klingt einfach, doch seitdem Karate als Kampfsport unterrichtet wird, wurden diese beiden alten Prinzipien immer wieder verschüttet. Meister und Trainer vergaßen die wichtige Funktion der Winkel, in denen der Angegriffene nach einer Attacke stehen sollte. Untersucht man jedoch die Katas nach diesem Aspekt, so gibt jede Kata genau diese Winkel präzise vor.
Auf dieser Basis baute Iain Abernethy sein spannendes Seminar über viele Stunden lang aus. Er bot dazu viele spannende Übungen und weitere Leitsätze an, über die Katas entschlüsselt werden können. Die Teilnehmer*innen legten befreit los und genossen das abwechslungsreiche Training. Nach zwei Tagen beendeten sie schweißtreibend einen sehr aufschlussreichen und informativen Lehrgang. Überragend war das Lob beim Abschied. Der Inhalt des Lehrgangs und die gelungene Organisation des Lehrgangs fanden begeisterte Zustimmung.
Indes: Wer sich bereits den nächsten Lehrgang mit Iain Abernethy in Grünwald vormerken will. Er findet am 16. und 17. Januar 2027 statt. Mehr Informationen gibt es dazu am Ende des Jahres im Netz auf www.karate-gruenwald.de
Peter Henkel




Erschienen:
- BKB Homepage, Januar 2026
- Grünwalder Isar-Anzeiger, 22.01.2026
