Faszination Kushanku

Die Kata Kushanku gehört mit zu den längsten Formen im Karate überhaupt und ist in der Stilrichtung Shotokan unter dem Namen Kanku Dai bekannt: „Große Himmelsschau“, weil man in der Eröffnungssequenz durch ein mit den Händen geformtes Dreieck in den Himmel blickt und dann mit dem Auseinanderreißen der Arme den Blick auf den Himmel ganz frei gibt. Eine sehr blumige Beschreibung, die für den asiatischen Raum allerdings typisch ist.

In der realen Anwendung jedoch bedeutet die ausgeführte Bewegung etwas ganz anderes: Während die sich seitlich vom Kopf befindlichen Arme diesen vor den einprasselnden Schlägen eines Angreifers schützen, dringen die zum Dreieck geformten Hände zu Kopf und Schulter des Angreifers vor und öffnen sich dann mit einem Ruck: Die eine Hand fasst den Arm des Angreifers und kontrolliert diesen, die andere greift den Nacken an, um ihn unschädlich zu machen. Schritt für Schritt analysiert Iain so die gesamte Kata, ganz im Sinne der Methoden der alten Meister: Einfach, wirkungsvoll, schörkellos und immer den eigenen Schutz im Fokus: Wie bewege ich mich, damit mich die Arme und Beine des Angreifers nicht erreichen, ich selbst aber eine optimale Position einnehme um ihn zu kontrollieren. Mit einem Augenzwinkern und kurzen Anekdoten entlarvt er irreführende Vorstellungen und Erklärungen: Alles hat seinen Sinn, man muss nur genau hinschauen.

Durch einen klaren und strukturierten Trainingsaufbau schaffte Iain es, diese lange Kata an einem Wochenende komplett zu analysieren, wobei die mehr als 70 Teilnehmer in der Helmi-Mühlbauer-Halle die gewonnenen Ergebnisse gleich praktisch mit dem Trainingspartner ausprobieren konnten. Dabei zeigte er verschiedene Trainingsmethoden auf und gab den zahlreich anwesenden Karatelehrern damit Tipps für ihren eigenen Unterricht.

Iain Abernethy, der mit respektvollen Titeln nichts anfangen kann und sich von seinen Schülern daher schlicht „Iain“ nennen lässt, lebt in Cumbria, England, nahe der schottischen Grenze. Über seinen Vater, der ihm die Besonderheiten des traditionellen, lokalen Wrestling beibrachte, kam er schon als Jugendlicher zum Karate. Heute ist er Träger des 6. Dan im Goju-Ryu Karate, Chief Instructor der World Combat Association und ein weltweit gefragter Lehrgangsreferent.

Max Obermaier

 

Iain Abernethy demonstriert eine Anwendung
(Foto: Christian Killer)

Erschienen:

  • Grünwalder Isar-Anzeiger, 18. Januar 2018