Faszination Kushanku

Die Kata Kushanku gehört mit zu den längsten Kata im Karate und ist im Shotokan unter dem Namen Kanku (Dai) bekannt: „Himmelsschau“, weil man in der Eröffnungssequenz durch ein mit den Händen geformtes Dreieck in den Himmel blickt und dann mit dem Auseinanderreißen der Arme den Blick auf den Himmel ganz frei gibt. Eine sehr blumige Beschreibung, die für den asiatischen Raum allerdings typisch ist.

Für Iain jedoch bedeutet die ausgeführte Bewegung in der realen Anwendung etwas ganz anderes: Während die sich seitlich vom Kopf befindlichen Arme diesen vor den einprasselnden Schlägen eines Angreifers schützen, dringen die zum Dreieck geformten Hände zu Kopf und Schulter des Angreifers vor und öffnen sich dann mit einem Ruck: Die eine Hand fasst den Arm des Angreifers und kontrolliert diesen, die andere attackiert den Nacken.

Schritt für Schritt analysiert Iain so die gesamte Kata. Immer wieder bezieht er sich dabei auf Hinweise, die uns die alten Meister hinterlassen haben. So zitiert er Mabuni, dass die Richtungswechsel in den Kata nicht bedeuten, dass ein Angreifer aus einer bestimmten Richtung kommt. Vielmehr ist es als Hinweis zu verstehen, wie man sich zu einem frontal angreifenden Gegner bewegen soll, um eine optimale Position einzunehmen: Der Gegner ist vor mir, aber ich befinde mich nicht vor ihm. Mit einem Augenzwinkern und kurzen Anekdoten entlarvt er irreführende Vorstellungen und Erklärungen: Alles hat seinen Sinn, man muss nur genau hinschauen.

Durch einen klaren und strukturierten Trainingsaufbau schaffte Iain es, diese lange Kata an einem Wochenende komplett zu analysieren, wobei die fast 80 Teilnehmer in der Helmi-Mühlbauer-Halle die gewonnenen Ergebnisse gleich praktisch mit dem Trainingspartner ausprobieren konnten. Dabei zeigte er verschiedene Trainingsmethoden auf und gab den zahlreich anwesenden Karatelehrern damit Tipps für ihren eigenen Unterricht.

Effizientes Training steht bei Iain im Vordergrund, daher sind seine Lehrgänge immer auf Englisch: Übersetzen kostet schlicht zu viel Zeit. Das Übermitteln von Informationen ist ihm wichtig: „Wenn Euch am Ende des Tages der Kopf explodiert und ihr schreit „Hör auf, ich kann nicht mehr!“, dann habe ich einen guten Job gemacht!“ – Ziel erreicht, Iain!

Iain Abernethy, der mit respektvollen Titeln nichts anfangen kann und sich von seinen Schülern daher schlicht „Iain“ nennen lässt, lebt in Cumbria, England, nahe der schottischen Grenze. Über seinen Vater, der ihm die Besonderheiten des traditionellen, lokalen Wrestling beibrachte, kam er bereits als Jugendlicher zum Karate. Heute ist er Träger des 6. Dan im Goju Ryu, Chief Instructor der World Combat Association und ein weltweit gefragter Lehrgangsreferent.

Max Obermaier

 

Iain Abernethy demonstriert eine Anwendung
(Foto: Christian Killer)

Erschienen:

  • BKB aktuell, Februar 2018