Bassai Sho - Die Festung stürmen

Die Ursprünge des Karate liegen in der Selbstverteidigung: Um sich eines übermächtigen Gegners erfolgreich zu erwehren, analysierte man zunächst gängige Angriffe wie Greifen, Klammern oder Rundschläge auf deren Schwachpunkte. Diese nutzte man dann aus, um den Angriff abzuwehren oder ins Leere laufen zu lassen und den Gegner anschließend außer Gefecht zu setzen: Plan A

Nun ist aber nicht jeder Angriff und Gegner gleich, so dass eine Aktion nicht immer zwingend erfolgreich muss. Daher überlegte man sich, was schief gehen kann und wie man darauf reagieren kann, um die Situation – also sich selbst – zu retten: Plan B, Plan C oder gar Plan D.

Die Abfolge dieser verschiedenen Pläne übte man so lange, bis sie in Fleisch und Blut übergingen, schließlich musste man sie im Notfall ohne großes Nachdenken abrufen können. Diese Sequenzen von erprobten und auch bewährten Techniken wurde im Laufe der Zeit immer mehr perfektioniert und als festes Schema, als „Form“ an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. „Form“, das bedeutet auf Japanisch „Kata“.

Verschiedene Karatemeister hatten unterschiedliche Ideen, wie auf ein- und denselben Angriff reagiert werden kann, so dass sich im Laufe der Zeit zahlreiche, teils sehr verschiedene Kata entwickelt haben. Eine davon ist die Bassai Sho, die vom Karatemeister Itosu Yasutsune gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus einer noch viel älteren Form, der „Passai“ (die Festung stürmen) entwickelt wurde. Während die verschiedenen Varianten der Urform Passai heutzutage fast verschwunden sind, wird die Bassai Sho heute noch gelehrt, und ist insbesondere für fortgeschrittene Schwarzgurte von Bedeutung.

Iain Abernethy (7. Dan) aus Cumbria, England, war am Wochenende des 12. und 13. Januar 2019 beim TSV Grünwald e.V. zu Gast und hat die in dieser Kata steckenden Strategien im Rahmen eines Karatelehrgangs umfassend analysiert und erklärt. Große Aufmerksamkeit schenkte er dabei den verschiedenen Möglichkeiten (Plan A, B, C, …) die man hat, sollte bei der Verteidigung oder dem Gegenangriff etwas schief gehen.

Nach dem Erlernen und Anwenden der Grundideen am Samstag ging es dann am Sonntag weiter in die Praxis: Die Angreifer zogen sich spezielle Handschuhe als Schlagpolster an, so dass die Verteidiger die Übungen schneller und kraftvoller üben konnten, ohne ihren Trainingspartner zu gefährden.

Insgesamt waren knapp 70 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und sogar Finnland angereist um in entspannter und freundschaftlicher Atmosphäre gemeinsam zu trainieren. Viele kennen sich bereits seit vielen Jahren, so dass schon zahlreiche Freundschaften entstanden sind.

Iain Abernethy wird im Januar 2020 erneut beim TSV Grünwald e.V. zu Gast sein.

Max Obermaier

 

Iain Abernethy demonstriert eine Anwendung
(Foto: Christian Killer)

Erschienen:

  • Grünwalder Isar-Anzeiger, 17. Januar 2019
  • Harlachinger Rundschau, 23. Januar 2019